Wie ich das CHRONISCH GESUND Modell als Arzt eingesetzt habe
Meine Praxis war wochenlang komplett ausgebucht. Ich habe Diagnosen gestellt, Medikamente angepasst, Infusionen gegeben — alles, was ich nach dem Studium aus regenerationsmedizinischer Perspektive im Kontext der Präzisionsmedizin gelernt habe. Und trotzdem war klar: Der eigentliche Unterschied entstand durch etwas darüber hinaus. Hier erzähle ich dir, wie ich Ärztliches und Mentoring in ein Modell gebracht habe, das wir inzwischen an viele hundert Fachleute weitergegeben haben.
Auf einen Blick
In meiner Praxis war ich wochenlang ausgebucht — Diagnose, Medikation und Infusionen liefen auf dem Niveau, das ich mir nach dem Studium aus regenerationsmedizinischer und präzisionsmedizinischer Perspektive erarbeitet hatte. Der größte Unterschied entstand trotzdem durch etwas darüber hinaus: kommunikative Begleitung, Veränderungsambivalenz, souveräne Entscheidungen, Nahrung, Atmung, Bewegung, Naturkraft und innere Story als Alltags-Medizin. Ich habe Mentoren ausgebildet, GOÄ und Selbstzahler-Begleitung sinnvoll kombiniert, das Team koordiniert und Patient:innen alle drei bis sechs Monate ärztlich gesehen. Dieses Arzt-Mentor-Modell geben wir heute an viele hundert Fachleute weiter.
- Vollbuch in der Praxis heißt nicht, dass die strukturelle Lücke bei chronischer Gesundheit geschlossen ist.
- Der größte Hebel lag bei uns oft in Mentoring-Faktoren — Kommunikation, Ambivalenz, die sechs Alltags-Ärzte, Körperbewusstsein.
- Klare Rollen: Arzt für Diagnose, Medikation und Verlauf alle 3–6 Monate; Mentoren für die 23 Stunden des Tages.
- GOÄ plus Selbstzahler-Begleitung war die ökonomische Antwort auf eine Versorgungslücke — nicht Luxus.
- Das Modell skaliert über ausgebildete Mentoren; heute setzen es Ärzt:innen und Mentor:innen in Kollaboration um.
Ausgebucht — und trotzdem die richtige Frage
Es gab Phasen in meiner Praxis, in denen ich wochenlang voll war. Kein freier Slot. Das klingt nach Erfolg — und war es in einem Sinne auch. Aber wenn du Arzt bist und jeden Tag Menschen mit chronischen Leiden siehst, merkst du schnell: Vollbuch heißt nicht automatisch, dass du die Lücke schließt, die diese Menschen wirklich haben.
Ich habe in der Praxis umgesetzt, was ich mir nach dem Studium aus regenerationsmedizinischer Perspektive im Kontext der Präzisionsmedizin erarbeitet hatte: präzise Diagnostik, individualisierte Medikationspläne, Infusionstherapien, wenn sie medizinisch sinnvoll waren — Labor, Verlauf, Anpassung. Das ist ärztliche Arbeit — und die war nötig. Ich will das ausdrücklich sagen, weil dieser Artikel nicht gegen die Medizin geht. Er geht gegen die Illusion, dass selbst das beste präzisionsmedizinische Setup allein den Weg zu chronischer Gesundheit tragen kann.
Was mich in diesen vollen Wochen am meisten beschäftigt hat, war etwas anderes: Der größte Teil der Wirkung entstand nicht in den 15 Minuten am Behandlungstisch. Er entstand in den 23 Stunden des Tages dazwischen — und in Fähigkeiten, die weder im Studium noch in meiner Präzisionsmedizin-Ausbildung vorkamen.
Was Präzisionsmedizin nicht abdeckt — und in der Praxis entschied
Kommunikation, zum Beispiel. Nicht Smalltalk. Sondern jemandem helfen, Veränderungsambivalenz zu überwinden — dieses „Ich will, aber ich schaffe es nicht", das du bei chronischen Verläufen ständig siehst. Menschen befähigen, souveräre Entscheidungen zu treffen, statt passiv auf die nächste Verordnung zu warten.
Dann die sechs Ärzte, die wir bei MOJO so nennen — nicht als Esoterik, sondern als Alltags-Hebel: Nahrung als Medizin. Atmung als Medizin. Bewegung als Medizin. Naturkraft als Medizin. Die innere Story verändern. Körperbewusstsein erweitern. Das sind keine Ersatzdiagnosen. Das sind Prozessfaktoren, die in therapeutischen Begleitungen oft über Erfolg oder Stillstand entscheiden — genau das, was in der Originstory bei IFM und KPNI als fehlende Ebene beschrieben steht.
Ich habe das nicht „Coaching" genannt. Ich habe es Mentoring genannt — weil es um Übersetzung, Prozess und Begleitung über Monate geht, nicht um einzelne Tipps. HWG-konform: Orientierung und Bildung, keine Heilversprechen. Diagnostik und Medikation bleiben in ärztlicher Hand.
Das Arzt-Mentor-Modell — wie es bei mir lief
Irving et al. (2017) dokumentieren: Die durchschnittliche Arztkonsultation in Deutschland dauert 7,6 Minuten. Für Akutes reicht das. Für Ernährung, Stress, Schlaf, Ambivalenz und Prozess über Monate — nicht. Osterberg und Blaschke (2005) zeigen parallel: Bei chronischen Leiden scheitert das reine Verordnungsmodell systematisch. Nicht weil Menschen nicht wollen. Sondern weil Wissen, Prozess und Begleitung fehlen.
Meine Antwort war eine klare Rollen-Trennung — und eine clevere ökonomische Mischung:
Ich als Arzt: Diagnose, Medikationsplan, Infusionen wenn nötig, Verlaufskontrolle. Die Patientinnen und Patienten sahen mich alle drei bis sechs Monate für erneute Diagnostik oder Anpassung des Medikationsplans. GOÄ-Abrechnung für das, was ärztlich ist.
Mentoren in meinem Team: Angestellt, ausgebildet, an mein ärztliches Konzept angebunden. Sie dockten nach meiner Einordnung an — im Selbstzahlerbereich — und arbeiteten mit den Menschen an allem, was im Alltag den Unterschied macht: Ernährung, Atmung, Bewegung, Natur, innere Story, Körperwahrnehmung, Entscheidungsfähigkeit, Routinen in den 23 Stunden.
Ich koordinierte das Mentoringteam im Hintergrund und gab bei individuellen Fällen Supervision. Nicht micromanagend — sondern als ärztliche Qualitätssicherung: Passt das biologisch? Passt das zum Medikationsplan? Wo braucht es Rückkopplung?

Warum Selbstzahler hier kein Luxus war
Chronische Gesundheit braucht Zeit. Zeit passt nicht in die Kassen-Taktung. Deshalb war die Selbstzahler-Logik für mich keine Marketing-Entscheidung, sondern eine strukturelle: Ärztlich abgesichert, mentorisch begleitet, ökonomisch tragfähig.
GOÄ für das, was der Arzt leistet. Selbstzahler-Leistungen für die Prozessbegleitung, die im System sonst schlicht nicht abrechenbar ist — obwohl sie oft der Hebel ist, der Menschen wirklich weiterbringt. Das ist kein „Upsell". Das ist die ehrliche Antwort auf eine Versorgungslücke, die ich täglich in der Praxis gesehen habe.
Was das für deinen Beruf bedeutet, habe ich im Artikel Chronisch Gesund als Beruf ausgeführt. Dieser Text hier ist die persönliche Praxis-Geschichte dahinter.
Vom Einzelmodell zum Kollektiv
Irgendwann wurde klar: Ich kann das nicht allein skalieren — und soll es auch nicht. Ich habe angefangen, Mentoren auszubilden. Nicht als Assistenten, die Zettel verteilen. Sondern als Fachkräfte mit klarem Scope: Übersetzung, Prozess, Begleitung, Kommunikation, Umsetzung im Alltag.
Dieses Modell haben wir inzwischen an viele hundert Fachleute gelehrt. Manche setzen es als Ärzt:innen um — mit eigenem Mentoringteam. Manche als Mentor:innen in Kollaboration mit Ärzt:innen. Der Kern bleibt derselbe: Der Arzt sichert medizinisch ab. Das Mentoring trägt den Prozess in den 23 Stunden.
Der Großteil der beobachteten Wirkung — das sage ich bewusst vorsichtig, weil es viel persönliche Erfahrung und Fallarbeit ist, keine einzelne RCT — entstand bei uns über Mentoring und Prozessbegleitung. Die Medikation war oft notwendig. Aber selten ausreichend.
Was das für dich bedeutet
Wenn du Arzt, Heilpraktiker:in, Therapeut:in oder Coach bist und spürst, dass du in 15 Minuten mehr leisten willst, als das System hergibt: Du musst nicht warten, bis das System sich ändert. Du kannst Rollen trennen, Scope klären, Prozesse bauen — und dich mit anderen Fachleuten vernetzen, die dieselbe Lücke sehen.
Regenerationsmedizin ist für mich die Wissenschaft dahinter. CHRONISCH GESUND ist die Infrastruktur, die wir daraus gemacht haben — Akademie, Mentoring, Formate. Im Fair Talk habe ich erklärt, warum Akutmedizin und chronische Gesundheit zwei Welten sind, die zusammengehören müssen.
Wenn du wissen willst, ob der strukturierte Weg zu dir passt — unten findest du das Quiz. Zwei Minuten. Kein Pitch. Ehrliche Einordnung.
Quellen & Referenzen
- International variations in primary care physician consultation time: a systematic review of 67 countries
- Adherence to Medication
Häufige Fragen
Ersetzt Mentoring die ärztliche Behandlung?
Warum Selbstzahler statt alles über die Kasse?
Kann ich das Modell auch ohne eigene Praxis umsetzen?
Wo finde ich den strukturierten Ausbildungsweg?
Perspektiven dienen der Orientierung und Bildung für Gesundheitsprofis. Sie ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnostik oder Therapie. MOJO ist ein Bildungs- und Begleitungssystem — keine Ersatzheilkunde.